Wenn KI den Einkauf erledigt, was macht dann die Innenstadt?
KI-Agenten verschieben die Frage, warum wir überhaupt noch in die Stadt gehen, und machen die Qualität des realen Ortes umso wichtiger. Mit unserem Whitepaper „Wenn Maschinen kaufen – Wie KI-Agenten Handel, Frequenz und die Zukunft der Innenstadt verändern“ werfen wir einen Blick auf eine Entwicklung, die weit über den nächsten Technologiesprung im Onlinehandel hinausgeht. Denn wenn Künstliche Intelligenz künftig nicht nur Produkte empfiehlt, sondern Einkäufe zunehmend selbstständig vorbereitet und erledigt, verändert sich mehr als der Vertriebskanal. Es verändert sich der Anlass, warum Menschen überhaupt noch Wege zum Einkaufen zurücklegen. Und genau hier wird es für die Innenstadt spannend.
Denn KI nimmt der Innenstadt nicht zwangsläufig Frequenz. Sie nimmt ihr aber immer stärker das Privileg, dass Menschen zum Einkaufen zwingend einen Ort aufsuchen müssen. Genau deshalb wird die Qualität des Ortes wichtiger.
Wenn Einkaufen immer weniger einen Weg braucht, muss die Innenstadt selbst zum Grund für den Weg werden.
1. Wenn Einkaufen keinen Weg mehr braucht
Online einkaufen ist wahrlich keine Revolution mehr. Wir suchen ein Produkt, vergleichen Angebote, klicken auf „Bestellen“ und warten auf den Paketboten. Der nächste Schritt ist subtiler. Und möglicherweise folgenreicher.
Denn künftig könnten wir immer weniger selbst suchen, vergleichen und auswählen. Wir sagen einem digitalen Assistenten, was wir brauchen, nennen vielleicht noch Preisrahmen und Vorlieben und überlassen ihm den Rest. Das passende Produkt finden, Alternativen prüfen, Verfügbarkeit klären, bestellen: Routine wird delegiert.
Der Unterschied klingt klein. Für Städte ist er es nicht.
Denn Einkaufen erzeugt heute nicht nur Umsatz. Einkaufen erzeugt Wege. Wer eine Jacke, ein Geschenk oder einen neuen Wasserkocher braucht, hat einen Anlass, sich zu bewegen. Vielleicht in die Innenstadt. Wer dort angekommen ist, trinkt noch einen Kaffee, erledigt etwas anderes oder bleibt einfach ein bisschen länger.
Je mehr dieser funktionalen Besorgungen im Hintergrund verschwinden, desto weniger selbstverständlich entsteht dieser Weg.
Ein Einwand vorweg: Das passiert nicht nächste Woche.
Was Maschinen können, wächst derzeit schnell. Bis eine Technologie in der Breite der Wirtschaft ankommt, dauert es deutlich länger. Elektrifizierung und Computer brauchten Jahrzehnte, bevor sie in den Produktivitätszahlen auftauchten.
Nur ist das kein Grund zur Entwarnung. Es ist der Grund, jetzt anzufangen. Diese Verzögerung ist genau das Zeitfenster, in dem eine Stadt noch gestalten kann, statt hinterherzulaufen.
Das bedeutet also nicht das Ende der Innenstadt. Aber es beendet eine Bequemlichkeit, an die sich manche Zentren zu lange gewöhnt haben: dass Menschen schon irgendeinen Grund haben werden zu kommen.
Die eigentliche Konkurrenz der Innenstadt ist künftig nicht der Onlineshop. Es ist der Einkauf, mit dem wir uns gar nicht mehr beschäftigen müssen.
2. Die Innenstadt verliert einen Pflichtbesuch. Und gewinnt eine Chance
Das ist zunächst keine gute Nachricht für Standorte, deren Angebot im Wesentlichen lautet: Bei uns gibt es Geschäfte.
Aber genau darin steckt auch die Chance.
Denn wenn Versorgung immer weniger an einen bestimmten Ort gebunden ist, wächst der relative Wert all dessen, was nur dieser Ort bieten kann: Freunde treffen. Essen gehen. Menschen beobachten. Kultur erleben. Sich beraten lassen. Dinge anfassen und ausprobieren. Einen schönen Platz entdecken. Durch Straßen schlendern, ohne vorher zu wissen, was man dort finden wird.
Das klingt verdächtig nach jenem alten Stadtversprechen, das zeitweise hinter Verkaufsflächen, Frequenzkennzahlen und Stellplatzdiskussionen verschwunden ist.
Natürlich bleibt der Handel wichtig. Aber seine Rolle verändert sich. Ein gutes Geschäft bietet künftig nicht nur Zugriff auf Ware. Es schafft Vertrauen, Orientierung, Service und Erlebnis. Es gibt einen Grund, hineinzugehen, obwohl das Produkt theoretisch auch den Weg zum Menschen finden könnte.
Vielleicht liegt darin die angenehmste Ironie der digitalen Transformation: Je effizienter das Beschaffen wird, desto wichtiger wird das, was nicht effizient sein muss.
Bummeln etwa. Ein ausgesprochen ineffizienter Vorgang. Und gerade deshalb ziemlich menschlich.
Je effizienter Maschinen das Besorgen erledigen, desto wichtiger werden Orte, an denen wir freiwillig Zeit verbringen.
3. Frequenz ist nicht mehr, was sie einmal war
Über Jahrzehnte war die Logik des Handels überschaubar: Viele Menschen auf der Straße bedeuten viele potenzielle Kundinnen und Kunden. Viel Frequenz bedeutet gute Umsätze. Gute Umsätze rechtfertigen hohe Mieten.
Ganz so einfach ist die Welt längst nicht mehr.
Noch trägt die alte Gleichung: Einkaufen ist mit 70,8 Prozent weiterhin der meistgenannte Grund für den regelmäßigen Innenstadtbesuch (cima.monitor – Deutschlandstudie Innenstadt 2024). Aber sie erodiert.
Schon heute kann ein Geschäft Umsatz mit Menschen erzielen, die seine Ladentür nie öffnen. Gleichzeitig können Besucherinnen und Besucher Stunden in einer Innenstadt verbringen, ohne klassische Shoppingtour mit drei Tüten und erschöpftem Gesichtsausdruck.
Und das ist keine Prognose. Das ist der Ist-Zustand.
Die Passantenfrequenzen deutscher Einkaufslagen haben sich nach der Pandemie weitgehend erholt. Die realen Einzelhandelsumsätze stagnieren seit 2022. Die Menschen kommen also durchaus. Sie kaufen nur seltener etwas.
Frequenz und Umsatz haben sich damit bereits entkoppelt, lange bevor der erste KI-Agent etwas bestellt hat. Das ist für die Einordnung entscheidend: KI löst diese Entwicklung nicht aus. Sie beschleunigt sie.
Wer also auf den großen KI-Umbruch wartet, um dann zu reagieren, wartet auf etwas, das längst begonnen hat.
Frequenz bleibt wichtig. Eine leere Innenstadt wird schließlich nicht dadurch lebendig, dass man ihre KPIs modernisiert. Aber die reine Zahl der Passanten sagt immer weniger darüber aus, was sie dort tun, wie lange sie bleiben, welche Angebote sie miteinander verbinden und welchen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Wert ihr Besuch erzeugt.
Für Stadtmarketing, Immobilienwirtschaft und kommunale Entwicklung bedeutet das: Wir müssen genauer hinschauen.
Wie lange bleiben Menschen? Warum kommen sie? Was nutzen sie miteinander? Welche Orte erzeugen Anschlussbesuche? Welche Angebote sorgen dafür, dass aus einer Erledigung zwei Stunden Innenstadt werden?
Vielleicht ist die spannendere Kennzahl künftig nicht allein, wie viele Menschen vorbeilaufen – sondern wie viel Stadt aus ihrem Besuch entsteht.
Eine volle Fußgängerzone ist eine gute Nachricht. Was diese Frequenz wert ist, entscheidet sich erst danach.
4. Das Schaufenster reicht künftig bis in den Datenraum
Der klassische Innenstadtbesuch funktioniert wunderbar analog. Man läuft durch eine Straße, sieht ein Geschäft, entdeckt etwas Interessantes und geht hinein.
Digitale Assistenten sehen keine Schaufenster.
Sie brauchen Informationen.
Hat das Geschäft geöffnet? Ist das Produkt verfügbar? Was kostet es? Gibt es Beratung, Reparatur oder Abholung? Ist das Restaurant heute Abend geöffnet? Gibt es vegetarische Gerichte? Findet auf dem Marktplatz eine Veranstaltung statt? Ist das Museum montags zu? Kann ich mit dem Bus dorthin fahren?
Was für Menschen selbstverständlich sichtbar oder mit einem kurzen Blick herauszufinden ist, muss für digitale Systeme auffindbar, aktuell und verständlich sein.
Damit verändert sich die Bedeutung digitaler Sichtbarkeit. Es reicht künftig weniger denn je, irgendwo im Netz aufzutauchen. Informationen müssen so verfügbar sein, dass Systeme sie zuverlässig interpretieren und miteinander verbinden können.
Das betrifft einzelne Unternehmen. Aber eben nicht nur.
Auch Städte erzeugen täglich relevante Informationen: Veranstaltungen, Märkte, Mobilitätsangebote, Baustellen, öffentliche Einrichtungen, Kulturprogramme, touristische Angebote oder besondere Services. Aus vielen kleinen Datensätzen entsteht zunehmend ein digitales Abbild des realen Ortes.
Und dieses Abbild wird Teil der Standortqualität.
Das Schaufenster der Zukunft steht weiterhin in der Fußgängerzone. Sein zweiter Eingang besteht aus Daten.
5. Der Wettbewerb um Besucher beginnt vor dem Besuch
Richtig interessant wird es, wenn KI nicht nur beantwortet, wo ein bestimmtes Paar Schuhe erhältlich ist.
Sondern ganze Vorhaben organisiert.
„Wir wollen Samstag mit zwei Kindern einen schönen Tag verbringen, mittags essen, ein Geburtstagsgeschenk kaufen und am Nachmittag noch etwas unternehmen.“
Darauf folgt künftig womöglich keine Trefferliste mehr, durch die sich der Mensch selbst kämpfen darf. Sondern ein Vorschlag: Fahrt dorthin. Parkt hier. Esst dort. Das Geschäft mit dem passenden Geschenk liegt fünf Minuten entfernt. Um 15 Uhr beginnt auf dem Platz eine Veranstaltung.
Dann konkurrieren nicht mehr nur Händler mit Händlern und Restaurants mit Restaurants.
Dann konkurrieren ganze Innenstädte um die Empfehlung.
Das verändert Stadtmarketing fundamental. Die attraktive Innenstadt muss selbstverständlich weiterhin vor Ort überzeugen. Aber vorher muss sie überhaupt in den digitalen Entscheidungsraum gelangen.
Wer also glaubt, Datenpflege sei eher etwas für die IT-Abteilung im zweiten Stock des Rathauses, könnte sich täuschen. Verlässliche Informationen über Angebote und Orte werden zunehmend Teil der touristischen, handelsbezogenen und städtischen Wettbewerbsfähigkeit.
Der Besuch beginnt dann nicht am Ortseingang.
Er beginnt mit einer Empfehlung.
Die Innenstadt der Zukunft muss nicht nur attraktiv sein. Sie muss als attraktive Option erkannt werden.
6. Je digitaler der Einkauf, desto wertvoller wird der echte Ort
Nun könnte man auf die Idee kommen, Innenstadtentwicklung bestehe künftig vor allem aus Datenplattformen, Schnittstellen und hervorragend gepflegten Öffnungszeiten.
Bitte nicht.
Denn die digitale Infrastruktur kann dafür sorgen, dass ein Ort gefunden wird. Ob man dort gerne ist, entscheidet weiterhin der Ort selbst.
Und genau hier liegt die große Stärke der Innenstadt.
Eine KI kann den effizientesten Einkauf organisieren. Sie kann aber nicht an unserer Stelle auf einem sonnigen Platz sitzen. Sie riecht kein frisches Brot. Sie hört keine Straßenmusik. Sie trifft nicht zufällig einen alten Bekannten und entscheidet spontan, doch noch auf ein Getränk zu bleiben.
Stadt ist eben nicht nur Versorgung.
Stadt ist Gleichzeitigkeit, Dichte, Überraschung und Begegnung. Man könnte auch sagen: all jene Dinge, die in einem Optimierungsalgorithmus verdächtig nach Reibungsverlust aussehen und im richtigen Leben ziemlich häufig den Unterschied machen.
Deshalb wird der öffentliche Raum wichtiger, nicht unwichtiger. Gleiches gilt für Gastronomie, Kultur, Grün, Architektur, Service, Bildung, Gesundheit und gute Nutzungsmischung.
Wichtig ist dabei, was mit Aufenthaltsqualität eigentlich gemeint ist. Sie ist mehr als ein paar Sitzbänke und Pflanzkübel vor der Ladenzeile. Sie ist planbar, und ihre Wirkung ist überprüfbar: Schatten an heißen Tagen, weil ohne Schatten niemand bleibt. Wasser, an dem Kinder spielen dürfen. Licht, das abends nicht nur hell ist, sondern angenehm. Ein Programm, das auch an einem Dienstag einen Grund liefert zu kommen.
Das klingt nach Kleinkram. Es ist Infrastruktur.
Auch Immobilien müssen darauf reagieren. Ein Erdgeschoss ist künftig nicht schon deshalb erfolgreich, weil darin möglichst viel Ware pro Quadratmeter steht. Es muss einen Beitrag zum Ort leisten. Erlebnis ermöglichen. Service bieten. Begegnung zulassen. Neugier erzeugen.
Die eigentliche Zukunftsaufgabe lautet also nicht, die Innenstadt digitaler anstelle von analoger Qualität zu machen.
Sie lautet: digital auffindbar und analog unwiderstehlich zu werden.
KI macht den Einkauf effizienter. Die Innenstadt macht das Leben schöner.
7. KI-Readiness ist keine IT-Aufgabe. Sie ist Stadtentwicklung.
Was also macht die Innenstadt, wenn KI den Einkauf erledigt?
Sie sollte sich zunächst von der Vorstellung verabschieden, das Thema ließe sich mit einem weiteren Digitalprojekt abhaken.
Natürlich brauchen Innenstädte bessere Daten. Unternehmen müssen ihre Angebote digital auffindbar machen. Stadtmarketing und Kommunen müssen Informationen verlässlich bereitstellen.
Das ist die eine Hälfte der Aufgabe.
Die andere ist schwieriger. Sie besteht darin, einen Ort zu schaffen, den Menschen tatsächlich besuchen wollen.
Beides ist Pflicht. Keine der beiden Hälften ist die Kür. Wer nur die Daten pflegt, wird zuverlässig gefunden und enttäuscht anschließend. Wer nur den Ort gestaltet, ist schön und kommt nicht vor.
Dass es bei der zweiten Hälfte Nachholbedarf gibt, ist dabei keine Vermutung: 44 Prozent der Bevölkerung vermissen in ihren Innenstädten Orte, an denen es etwas zu erleben gibt (cima.monitor – Deutschlandstudie Innenstadt 2024). Das ist die größte benannte Lücke – und ganz sicher keine Kür.
Dafür müssen Stadtplanung, Citymanagement, Wirtschaftsförderung, Handel, Gastronomie, Kultur, Immobilienwirtschaft und Eigentümer zusammenspielen. Erdgeschosse brauchen neue Nutzungsideen. Öffentliche Räume brauchen Qualität. Angebote müssen miteinander verknüpft werden. Innenstadtentwicklung muss stärker kuratieren und weniger darauf hoffen, dass sich die richtige Mischung schon irgendwie von selbst ergibt.
Denn eine perfekt digitalisierte langweilige Innenstadt bleibt eine langweilige Innenstadt. Nur eben eine, deren Öffnungszeiten maschinenlesbar sind.
Umgekehrt wäre es ebenso fahrlässig, einen großartigen Ort zu schaffen, der in der digitalen Welt praktisch nicht vorkommt.
Die Aufgabe hat deshalb zwei Seiten: für Maschinen verständlich, für Menschen begehrenswert.
Das ist keine IT-Strategie.
Das ist Stadtentwicklung.
Einkaufen lässt sich automatisieren. Stadt erleben nicht.
Unser Whitepaper „Wenn Maschinen kaufen“ vertieft diese Entwicklung und ihre Folgen für Handel, Frequenz, Immobilien, öffentlichen Raum und kommunale Gestaltung. Und es denkt sie weiter: bis dorthin, wo Maschinen nicht mehr nur für uns einkaufen, sondern selbst als Marktteilnehmer auftreten – mit eigenen Zahlungen und eigenen Ansprüchen an den Raum.
Denn am Ende ist die entscheidende Frage gar nicht, ob KI irgendwann unsere Einkäufe erledigt. Viel wichtiger ist die Frage, die danach übrig bleibt:
Wenn wir nicht mehr in die Innenstadt müssen: wie gut muss sie sein, damit wir trotzdem hinwollen?
Ist Ihre Innenstadt auf die KI-Ökonomie vorbereitet?
Wie KI-Agenten Handel, Frequenz und die Zukunft der Innenstadt verändern. Das neue Whitepaper der cima.
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