Perspektiven der Nahversorgung: Was wirklich funktioniert
Nahversorgung im ländlichen Raum ist mehr als Einkaufen. Es geht um Lebensqualität, Teilhabe und Infrastruktur. Genau hier setzt die Online-Reihe „Überall gut versorgt? Perspektiven der Nahversorgung im ländlichen Raum“ an: mit Praxisbeispielen, Systemlösungen und einem ehrlichen Blick auf das, was funktioniert.
Susanne André von der CIMA Beratung und Management GmbH bringt in dieser Reihe den Impuls „Perspektiven der Nahversorgung: Trends im Konsumverhalten und Handlungsfelder“ ein. Welche Erkenntnisse lassen sich aus den Projekten der Reihe ableiten, die in der Praxis den Unterschied machen?
Nahversorgung ist Infrastruktur und keine Nostalgie
Rund zwei Drittel der ländlichen Bevölkerung haben keine fußläufige Einkaufsmöglichkeit. Das ist kein Gefühl, sondern ein Standortfaktor. Und in der Konsequenz ist es eine Frage von Teilhabe, Mobilität und Alltagstauglichkeit.
Erfolgreiche Konzepte verstehen Nahversorgung deshalb als System: mit klaren Rollen für Kommune, Betreiber, Lieferanten und Ehrenamt sowie mit einer Positionierung, die zum heutigen Konsumverhalten passt. Der Dorfladen Bad Boll steht exemplarisch für diese Haltung: zentral gelegen, professionell organisiert, wirtschaftlich gedacht. Kein Nostalgieprojekt, sondern funktionaler Anker im Ort.
Mehr als ein Laden: Warenkorb, Service, Begegnung
Moderne Dorfläden kombinieren Grundsortiment, regionale Produkte und zusätzliche Angebote wie Café, Treffpunkt oder Lieferservice. Begegnung ist dabei kein „Extra“, sondern Teil des Erfolgsmodells. Gerade dort, wo Kundenfrequenz naturgemäß begrenzt ist.
Ein starkes Beispiel ist der Dorfladen und das Café Schweighausen: Mit Unterstützung aus dem LEADER-Programm gestartet und stark durch bürgerschaftliches Engagement getragen, arbeitet der Betrieb heute wirtschaftlich selbstständig ohne laufende Zuschüsse. Das zeigt: Lokale Energie und betriebswirtschaftliche Klarheit schließen sich nicht aus.
Gleichzeitig ist das Preisbewusstsein gestiegen. Dorfläden müssen klar beantworten können: Wofür steht unser Preis? Für Regionalität? Für Qualität? Für Service? Für Gemeinschaft? Wer das transparent macht, schafft Vertrauen.
Hybrid denken: Verfügbarkeit neu organisieren
Viele ländliche Standorte haben dasselbe Dilemma: Tagsüber kommen Menschen punktuell, Randzeiten bleiben schwach. Aber der Bedarf nach Verfügbarkeit bleibt. Hier setzen hybride und automatisierte Kleinflächenmodelle an. Sie adressieren die zentrale Schwachstelle vieler Dorfläden ohne den Standortgedanken aufzugeben.
Beispiele aus der Reihe:
- DORV Eisental: mit Kundenkarte bis 22 Uhr, als Modell, das Öffnungslogik und Zugriff neu organisiert.
- Tante-M: als hybride Smart-Store-Logik, die kleinteilige Versorgung mit digital gestütztem Betrieb verbindet.
Zusätzlich wird das durch den Rahmen in Baden-Württemberg flankiert. Anfang 2026 wurde konkretisiert, dass vollautomatisierte Verkaufsstellen mit höchstens 150 Quadratmetern, mit Waren des täglichen Bedarfs, an Sonn- und Feiertagen geöffnet sein dürfen. Damit wird Hybrid nicht nur technisch, sondern auch regulatorisch relevanter.
Wichtig: Hybrid heißt nicht „online statt Laden“. Kundinnen und Kunden erwarten ein Zusammenspiel, etwa Apps, Click & Collect oder Self-Scanning. Ziel ist mehr Bequemlichkeit bei gleichzeitigem lokalem Bezug.
Regionalität als echtes Profil
Regionalität ist kein Etikett, sondern Strategie. Erfolgreiche Dorfläden binden regionale Lieferanten strukturell ein. Nicht als Marketinggag, sondern als Teil der Wertschöpfungskette. Genossenschaftliche Modelle, wie bspw. in Bad Boll und Schweighausen zeigen: Wer regionale Partner professionell integriert, schafft ein klares Profil und stärkt Bindung sowie Akzeptanz vor Ort.
Fazit: Nahversorgung braucht System und Zusammenarbeit
Nahversorgung ist kein Randthema. Sie ist ein Baustein regionaler Resilienz. Sie funktioniert, wenn Kommunen, Betreiber, Handelspartner und Bürgerschaft gemeinsam tragfähige Modelle entwickeln. Genau hier liegt die Stärke der cima. Wir verbinden Handelskompetenz, also Markt- und Konsumtrends, Betriebs- und Standortlogiken sowie Angebots- und Frequenzfragen, mit kommunaler Praxis, also Strategie, Beteiligung, Förderlogik und Umsetzungssteuerung.
Nahversorgung ist keine Frage der Nostalgie. Sondern der Zukunftsfähigkeit.
Diskutieren Sie mit und nehmen Sie konkrete Ansätze mit.
Wenn Sie als Kommune, Landkreis, Verband, Verein oder Handelsakteur vor der Frage stehen, wie Nahversorgung vor Ort tragfähig organisiert werden kann, nutzen Sie die Veranstaltungsreihe als Werkstatt. Die Beispiele zeigen, dass es erfolgreiche Ansätze gibt: auf kleiner Fläche, mit Ehrenamt, mit sozialem Ansatz oder hybrid.
Wir freuen uns auf den Austausch in den Online-Terminen – und darauf, gemeinsam die Perspektive zu schärfen: Nahversorgung als Infrastruktur, die Zukunft kann.
Infos und Anmeldung zur Veranstaltungsreihe unter: https://alr-bw.de/,Lde/startseite/themen-und-projekte/Nahversorgung
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